Schulen fehlen pro Woche fast 10.000 Stunden

Die Zahl erteilter Stunden in Sachsen-Anhalt ist deutlich gesunken. Die Linke spricht von einem “historischen Tiefststand”.

Volksstimme 27.12.2017 – Alexander Walter

Magdeburg l Es ist erst wenige Tage her, dass Marco Tullner (CDU) öffentlichkeitswirksam den 1000. Lehrer seit seinem Antritt als Bildungsminister im April 2016 im Dienst begrüßte. Das Land habe seit Beginn der Wahlperiode so viele Lehrer eingestellt wie nie, sagte Tullner davor und danach mehrfach. Jetzt zeigt sich: Die Einstellungen des Ministeriums genügen nicht, um den Lehrermangel in Sachsen-Anhalt zu entschärfen – im Gegenteil. Im Vergleich zum vorigen Schuljahr ist die Zahl der tatsächlich erteilten Unterrichtsstunden sogar gesunken. Das geht für die Linke aus einer Antwort des Bildungsministeriums auf eine Kleine Anfrage hervor.

So hat sich die Zahl der besetzten Lehrer-Vollzeitstellen seit September 2016 zwar leicht von 14.351 auf 14.382 erhöht – ein Plus von 31 Stellen. Gleichzeitig nahm die Schülerzahl aber um 1800 zu, und: Die Zahl der Lehrer, die wegen Langzeiterkrankungen ausfiel, erhöhte sich (von 361 auf 404) ebenso wie die Zahl der Pädagogen in Elternzeit (von 167 auf 261). Im Ergebnis sei der tatsächlich pro Woche erteilte Unterricht von rund 302.000 Stunden im vergangenen September um mehr als 6000 auf 295.500 Unterrichtsstunden im September 2017 gesunken, so Linken-Fraktionschef Thomas Lippmann. Hinzu kämen rund 3000 Unterichtsstunden, die für die zusätzlichen Schüler erforderlich wären. „Im Vergleich zum Schuljahr 2016/17 fehlen somit Woche für Woche fast 10.000 Unterrichtsstunden“, sagt Lippmann. Das entspreche einem Abbau von drei Prozent des gesamten Unterrichts in nur einem Jahr und sei „ein historischer Tiefststand bei der Unterrichtserteilung im Land“.

Landtag berät im Januar

Das Bildungsministerium sieht das anders: „Von einem historischen Tiefststand bei der Unterrichtserteilung kann nicht die Rede sein“, sagte Sprecher Stefan Thurmann gestern. So habe die Unterrichtsversorgung – sie gibt den Grad der Ausstattung der Schulen mit Lehrpersonal an – zu Anfang dieses Schuljahres landesweit bei 101 Prozent gelegen. 2016 lag der Wert noch bei 100,3 Prozent. Allerdings seien die Befunde auch für das Bildungsministerium „nicht im Ansatz zufriedenstellend“. Ziel bleibe eine Unterrichtsversorgung von 103 Prozent, wie von der Kenia-Koalition vereinbart.

Eine Volksinitiative, der auch die Linke als Mitinitiator angehört, fordert derzeit die sofortige Einstellung von 1000 zusätzlichen Lehrern und 400 pädagogischen Mitarbeitern, um die Personalnot an den Schulen zu entschärfen. Nach Anhörung empfahl der Petitionsausschuss, schon ab 2019 Stellen zu besetzen, deren Ausschreibung ursprünglich erst für 2020/21 vorgesehen war. Für Lehrer, die etwa durch Elternzeit ausfallen, soll es außerdem kurzfristig Ersatz geben. Der Landtag will im Januar über die Vorschläge abstimmen. Die Linke fordert die Einstellung von mindestens 1200 neuen Lehrern zum neuen Schuljahr.

Quelle: Volksstimme.de

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“Mangelwald” gegen Lehrermangel

Kurz vor Weihnachten hat eine Volksinitiative mit einem Wald aus Weihnachtsbäumen gegen Lehrermangel in Sachsen-Anhalt protestiert

Volksstimme 21.12.2017 – Alexander Walter

Magdeburg l Mit einem „Weihnachtsmangelwald“ hat eine Volksinitiative am Mittwoch vor dem Landtag von Sachsen­Anhalt auf den Personalmangel in den Schulen aufmerksam gemacht. Geschmückt waren die Bäume mit mehr als 1000 beschrifteten CDs, auf denen Schüler und Lehrer aus allen 14 Landkreisen Sachsen­ Anhalts Wünsche und Probleme formuliert hatten. „Ich möchte, dass meine Lehrerin für mich Zeit hat“, schrieb etwa eine Schülerin der Grundschule Staats (Kreis Stendal). Kernforderung der Initiative ist die rasche Einstellung von 1000 Lehrern und 400 pädagogischen Mitarbeitern zusätzlich. Alle jungen Lehrer sollen im Land gehalten und die Ausbildung des Pädagogennachwuchses ausgeweitet werden.

Vertreter der Initiative trugen ihr Anliegen bereits im Plenum und in Ausschüssen des Landtags vor. Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) verwies im Gespräch mit Vertretern der Initiative am Mittwoch auf eine Empfehlung des Petitionsausschusses, die Stellenzahl bereits ab 2019 spürbar zu erhöhen, geplant war das bislang später. Andere Bundesländer hätten allerdings ähnliche Probleme. “Wir dürfen auch nicht den Eindruck erwecken, dass die Zustände hier unerträglich sind”, sagte Haseloff.

Eva Gerth, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die zu den Organisatoren gehört, sagte, der Grunddissenz bleibe: Die Volksinitiative fordere sofortige Entlastung für die Schulen, die Landesregierung wolle erst ab 2019 mehr Personal einstellen. Sie hoffe nun zumindest auf die ebenfalls vom Petitionsausschuss empfohlene Kompensation von Lehrkräften, die durch Langzeiterkrankungen oder Elternzeit nicht vor den Klassen stehen können, sagte Gerth. Laut Bildungsministerium handelt es sich um mehr als 600 Stellen. Ihr Ersatz würde den Landeshaushalt nicht zusätzlich belasten.

Linke fordert Nachtragshaushalt

Thomas Lippmann, Fraktionschef der Linken, die ebenfalls zu den Initiatoren der Volksinitiative gehört, sagte: “Herr Haseloff ist der Initiative außer mit warmen Worten nicht substanziell entgegengekommen.” Zur Gretchenfrage werde nun, ob es zum neuen Schuljahr spürbare Verbesserungen bei der Personalversorgung gibt. Dazu sei ein Nachtragshaushalt nötig. Gebe es keine Verbesserungen erwäge die Initiative ein Volksbegehren.

Die Landesregierung wollte ursprünglich bis 2021 die Zahl von 14.500 Vollzeit­Lehrerstellen erreicht haben, Änderungsmöglichkeiten sind je nach Bedarf bereits im Koalitionsvertrag verankert. Bis Ende 2017 sollen 14.237 Vollzeitstellen für Lehrer in den Schulen besetzt sein.

Quelle: Volksstimme.de

Sachsen-Anhalt investiert wenig in Bildung

Volksstimme 14.12.2017

Magdeburg/Wiesbaden (dpa/sa) – Sachsen-Anhalt hat im vergangenen Jahr pro Einwohner einen im Bundesvergleich unterdurchschnittlichen Betrag in Bildung investiert. Im Schnitt entfielen auf jeden Sachsen-Anhalter rund 1348 Euro, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Donnerstag im Bildungsfinanzbericht 2017 mitteilte. Das sind über 200 Euro weniger als der Bundesdurchschnitt (1576 Euro). Die Summe aller Bildungsinvestitionen lag 2016 in Sachsen- Anhalt bei rund 3 Milliarden Euro.

Der höchsten Betrag pro Kopf wurde in Hamburg investiert (1882 Euro). Bund, Länder und Kommunen gaben insgesamt 128,4 Milliarden Euro aus, 3,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Pro Kopf kamen 1576 Euro zusammen (2015: 1510 Euro). Je Einwohner unter 30 Jahren lagen die Ausgaben bei 5300 Euro.

Die Hälfte (49,9 Prozent) aller Ausgaben entfiel auf die Schulen. 23,2 Prozent flossen dem Bildungsfinanzbericht zufolge in die Hochschulen, 19,2 Prozent in Kindertageseinrichtungen. 7,7 Prozent gingen in die Bildungsförderung, das sonstige Bildungswesen wie Volkshochschulen sowie die Jugendarbeit. Der Löwenanteil wurde von den Ländern mit 90,6 Milliarden Euro finanziert.

Quelle: Volksstimme.de

Pressemitteilung

Übergabe der ersten Aktions-Postkarten an den Bildungsausschuss des Landtags von Sachsen-Anhalt

Monika Hohmann, die neue Vorsitzende des Bildungsausschusses im Landtag empfängt Vertreter der Elternrat-Initiative “Bildung in Not” am 08.12.2017 um 09:30Uhr im Foyer des Landtags

Es rumort an den Schulen. Seit dem Start der Postkartenaktion am 25.11.2017 auf der Magdeburger Schulmesse sind Eltern aufgefordert, die Missstände an ihren Schulen zu dokumentieren. Zu diesem Zweck können die Eltern den Bedarf an ihrer Schule auf einer vorgedruckten Postkarte äußern.

In den knapp zwei Wochen seit Beginn der Aktion wurden etwa 3500 Eltern erreicht, davon haben sich ca. 2100 Eltern beteiligt. Diesen ersten Rücklauf wird die Elternrat-Initiative „Bildung in Not“ am 08.12.2017 an den Bildungsausschuss des Landtags übergeben. Damit will die Elternrat-Initiative Initiative „Bildung in Not“ entschieden und nachdrücklich die Forderungen der „Volksinitiative gegen den Mangel“ nach mehr Lehrern und Pädagogischen MitarbeiterInnen unterstützen und die Wichtigkeit der Forderungen unterstreichen.

Mit der Dokumentation des Mangels an unseren Schulen senden wir Eltern deutliche Signale aus den Schulen direkt in den Landtag von Sachsen-Anhalt.

Schule Anzahl an Postkarten
(Stand 06.12.2017)
FöS Erich Kästner, MD 42
FöS Regenbogen, MD 117
GS Alt Olvenstedt, MD 113
GS Am Brückfeld, MD 103
GS Am Elbdamm, MD 107
GS Am Glacis, MD 88
GS Am Nordpark, MD 151
GS Am Pechauer Platz, MD 149
GS Am Westring, MD 145
GS Buckau, MD 227
GS Leipziger Straße, MD 130
GS Rothensee, MD 119
GS Salbke, MD 162
GS Werner Nolopp, Aken 17
GS Westerhüsen, MD 112
Sekundarschule Ernst Wille, MD 267
Sekundarschule Fritz Heike, Gommern 77
Summe 2126

Bislang sind insgesamt 2126 ausgefüllte Postkarten bei uns eingegangen. Eltern fordern auf 90% dieser Postkarten mehr Lehrer, auf 68% mehr Pädagogische MitarbeiterInnen. 55% der Eltern, die eine Postkarte ausgefüllt haben, möchten kleinere Klassen, 46% möchten weniger Unterrichtsausfall. Einen Schulleiter wünschen sich 79% der Eltern an der GS Am Pechauer Platz MD sowie 60% der Eltern an der GS Rothensee MD. Auf 26% der Postkarten werden neue Lehrmittel gefordert.

Im unteren Teil unserer Postkarte haben Eltern die Möglichkeit, eigene Wünsche zu formulieren und Kommentare zu übermitteln.

Drei Notwendigkeiten werden besonders deutlich:

  1. Eltern fordern eine ausreichende Anzahl von Lehrern, Förderlehrern, Sprachlehrern und Pädagogischen MitarbeiterInnen,
    – damit SchülerInnen mit Förderbedarf inklusiv beschult werden können (Inklusion nicht nur dem Namen nach, sondern nutzbringend für die Betreffenden)
    – damit die Integration von Kindern mit Sprachhindernissen gelingt
    – um die permanente Überlastung der vorhandenen Lehrer aufzufangen
  2. Förderschulen müssen besser ausgestattet werden.
    Beispielsweise wünschen sich 99% der Eltern an der Regenbogenschule MD mehr Pädagogische MitarbeiterInnen. Mehr Klassenräume und Therapieräume sowie mehr Therapeuten werden dort ebenfalls schmerzlich vermisst.
  3. Die Förderung der Schulsozialarbeit durch den ESF (Europäischer Sozialfonds) läuft 2020 aus und muss dringend dauerhaft als Bestandteil in das Schulsystem integriert werden, um vielfältige Probleme im heutigen Schulalltag bewältigen zu können.
    Beispielsweise wird an der GS Buckau MD von vielen Eltern dringend ein Schulsozialarbeiter gewünscht.

Baby-Boom verschärft den Lehrermangel

Babyboom und Zuwanderung lassen Prognosen alt aussehen: In Sachsen-Anhalt gibt es so viele Grundschüler wie seit dem Jahr 2000 nicht.

Volksstimme 28.11.2017 – Alexander Walter

Magdeburg l Die jüngste Bevölkerungsprognose ist gerade anderthalb Jahre alt. Und doch bleibt sie schon wieder hinter der Wirklichkeit zurück: 67.805 Schüler besuchen Sachsen-Anhalts Grundschulen nach Angaben des Statistischen Landesamts im laufenden Schuljahr. Das sind 660 mehr als in der neuesten Vorhersage berechnet.

Insgesamt lernen damit so viele Kinder in Grundschulen im Land wie seit der Jahrtausendwende nicht. Die Entwicklung könnte sich fortsetzen, das legen neueste Statistiken nahe. So stieg die Geburtenzahl 2016 im dritten Jahr infolge (Zahlen für 2017 liegen noch nicht vor). 18.093 Kinder wurden 2016 in Sachsen-Anhalt geboren – 1303 mehr als kalkuliert.

Schulplanung hinfällig

Besonders stark betroffen ist Magdeburg. 174 Schüler mehr als im Vorjahr wurden in der Landeshauptstadt eingeschult. Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) rechnet mit einer noch drastischeren Zunahme bis 2023. Nach Berechnungen der Stadt wird die Zahl der Einschüler von aktuell 2093 auf dann 2410 pro Jahr anwachsen.

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Magdeburger Eltern proben den Aufstand

Initiative “Bildung in Not” will Politiker mit Belegen für die prekäre Personallage an Schulen konfrontieren.

Volksstimme 27.11.2017 – Katja Tessnow

Magdeburg l „An unserer Schule sind in dieser Woche von zehn Lehrern fünf erkrankt. Die Schule verfügt personell über eine Vertretungsreserve von drei Stunden pro Woche. In dieser Situation ist die an einem Tag für das ganze Schulhalbjahr aufgebraucht.“ Annette Kirstein ist Elternratsvorsitzende an der Grundschule Am Brückfeld. Ihre beiden Kinder besuchen die erste und die vierte Klasse. Die personellen Bedingungen an ihrer, aber – wie die Mutter heute weiß – auch an der Mehrheit der anderen Magdeburger Grundschulen, erachtet sie als katastrophal.

Als das Bildungsministerium im März per Erlass auch noch ein Abschmelzen der Zuweisung von Lehrerstunden an allen Grundschulen Sachsen-Anhalts anordnete, sagten sich Kirstein und noch ein paar Eltern mehr: Es reicht! „Allein an den Magdeburger Grundschulen mit rund 7000 Kindern bedeutet das 26 Lehrer weniger“, berichtet Thomas Schallschmidt vom Elternrat der Grundschule Am Westring empört. „An unserer Schule vertritt die einzige Förderschulkraft im Krankheitsfall, dann findet kein Förderunterricht mehr statt.“ Auch vom Einsatz der Schulsekretärin zur Betreuung von Schülern wird berichtet – Verwahrung statt Bildung. Ein Einzelfall?

„Das will das Landesschulamt Eltern, wenn sie solche Probleme vorbringen, gerne weißmachen. Aber es sind keine Einzelfälle. Die Situation an allen Magdeburger Grundschulen ist ähnlich“, so Kirstein. Mit dem Ziel das zu belegen und in der Folge anzuprangern, organisierten sich im Mai Elternräte verschiedener Magdeburger Grundschulen zur Initiative „Bildung in Not“. Inzwischen machen zwei Drittel der Elternvertretungen aus 31 kommunalen Grundschulen mit. Der Austausch öffnete die Augen für das Ausmaß des Problems: Vertretungsreserven für erkrankte Lehrer gibt es in der Regel für zwei Wochenstunden oder gar nicht. Von 200o Stunden, die rein rechnerisch an den Magdeburger Schulen durch Pädagogische Mitarbeiter ausgefüllt werden sollten, fehlen gut die Hälfte – Stellen unbesetzt.

Die angekündigten Neueinstellungen würden mit Blick auf zu erwartende Lehrerabgänge (Rente) und die aktuelle Lage längst nicht ausreichen, sagen die Eltern. Deshalb unterstützen sie die Volksinitiative gegen den Lehrermangel – aktuell Thema im Landtag – und wollen die Beratungen des Bildungsausschusses mit Informationen anreichern.

Eltern sind aufgerufen, auf vorgedruckten Postkarten die Lage an ihrer Schule zu dokumentieren. Zur Schulmesse am Wochenende machten zahlreiche Gäste davon Gebrauch. Anfang Dezember will die Initiative die Karten im Landtag überreichen. Eltern, die sich beteiligen oder Postkarten anfordern wollen, können unter der E-Mail info@Bildung-in-Not.de Kontakt aufnehmen.

Radikale Umkehr in Bildungspolitik gefordert

Eine Volksinitiative hat die Bildungspolitik im Land kritisiert. Die Forderung: 1400 Fachkräfte zusätzlich. An Geld fehlt es offenbar nicht.

Volksstimme 26.10.2017 – Alexander Walter

Magdeburg l Andere Initiativen scheitern schon mal am Mangel an Unterstützern. Bei dieser kamen Zweifel gar nicht erst auf. 77.000 gültige Stimmen hat das Bündnis „Den Mangel beenden – für die Zukunft unserer Kinder“ seit Mai gesammelt. Für ein Rederecht im Landtag nötig gewesen wären nur 30.000.

Gestern durfte ein Vertreter im Landtag sprechen. Thomas Jaeger fasste seine Sicht auf die Lage an den Schulen in markige Worte: „Das Bildungswesen brennt“, sagte der Vorsitzende des Landeselternrats zu den Abgeordneten. Allein im vergangenen Monat habe es auf einer eigens eingerichteten Webseite 50 Meldungen über Missstände gegeben. Unterricht falle aus, Fächer würden gekürzt, Inklusion sei schwer möglich, weil überall Personal fehle. Das System sei über die Grenze hinaus strapaziert: „Immer mehr Lehrer scheiden vorzeitig aus.“ Angesichts des bevorstehenden Ruhestands vieler Kollegen seien auch die Perspektiven düster. Von der Koalition forderte Jaeger eine „radikale Umkehr“ in der Personalpolitik. Er warb vor allem für die sofortige Einstellung von 1000 Lehrern und 400 pädagogischen Mitarbeitern zusätzlich. Der Landtag müsse die Probleme lösen. „Sonst verspielen wir Vertrauen in die Demokratie.“

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Eltern gegen Lehrermangel

Wochenlangen Ausfall wollen Eltern in Wernigerode nicht länger tatenlos hinnehmen. Sie organisieren eine Protestaktion.

Volksstimme 21.10.2017 – Julia Bruns

Wernigerode l Nur drei von fünf Stunden Mathe pro Woche, in sieben Wochen bisher eine Doppelstunde Bio – und Geo? Erik, Janne und Helena können sich kaum erinnern, wann sie das letzte Mal in dem Fach unterrichtet worden sind. Lehrermangel und Unterrichtsausfall sind seit Beginn des neuen Schuljahres Alltag für die drei Sechstklässler aus Wernigerode. Um den Unterricht für die Abiturklassen zu gewährleisten, wurden besonders in den unteren Klassenstufen Pädagogen abgezogen.

Die drei Elfjährigen besuchen das Gerhart-Hauptmann-Gymnasium in Wernigerode – eine Schule, die für ihren hohen Anspruch an eine umfassende Bildung der jungen Menschen über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist. „Anstelle des Gerhart-Hauptmann-Gymnasiums kann jederzeit genauso gut jede andere Schule betroffen sein“, sagt Mario Sternitzke. „Es ist ein Problem, das alle betrifft.“

Aktion folgt Brandbriefen

Nachdem aus der Elternschaft mehrere Briefe an Bildungsminister Marco Tullner (CDU) geschickt worden waren, hatten sich Mario Sternitzke und weitere Eltern von Sechst- und Achtklässlern überlegt, wie sie noch auf die prekäre Situation an den Schulen aufmerksam machen können.

Unter der Überschrift „Lehrermangel – Bildung am Küchentisch?!“ organisieren sie für Montag um 15.30 Uhr eine Protestaktion auf dem Markt. „Eltern aus Wernigerode können sich beteiligen, sich an einen mitgebrachten Tisch setzen und so zeigen, dass sie den Lehrermangel nicht länger dulden“, erläutert Mario Sternitzke den Ablauf. Der Stadtelternrat unterstützt die Organisatoren. Der Vorsitzende Rico Wiecker und sein Vize Christian Fischer haben ihre Teilnahme fest zugesagt.

„Wir richten uns an alle Familien in Wernigerode. Welche Schule, spielt keine Rolle, denn das Problem kann jeden betreffen“, betont Andreas Lammers. Im März sei es die Francke-Grundschule gewesen, die wegen akuten Lehrermangels eine Woche schließen musste, in diesem Schuljahr sei die Lage am Gerhart-Hauptmann-Gymnasium nicht mehr hinnehmbar. „Kein Direktor und kein Lehrer kann etwas für die Situation“, so Mario Sternitzke.

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Fast 80 000 Unterschriften für mehr Lehrer an Schulen

Fast 80 000 Unterschriften für mehr Lehrer an Schulen

Volksstimme 13.09.2017

Magdeburg (dpa/sa) – Für ihre Forderung nach mehr Lehrern an den Schulen hat eine Volksinitiative rund 77 000 Unterschriften gesammelt. Die Initiatoren zeigten sich bei der Übergabe der Listen an Landtagspräsidentin Gabriele Brakebusch (CDU) am Mittwoch mit der Resonanz sehr zufrieden.

“Wir hoffen, dass diese Initiative den nötigen Druck für Veränderungen bringt”, sagte die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Eva Gerth. Damit sich der Landtag mit den Forderungen befassen muss, waren 30 000 Unterschriften nötig.

Zu den Hauptforderungen der Volksinitiative gehört, dass das Land zusätzliche 1000 Lehrer und 400 pädagogische Mitarbeiter einstellen soll. Zudem fordern die Organisatoren, dass hierzulande mehr Lehrer ausgebildet und im Land gehalten werden. Der Landtag muss über die Forderungen der Initiative innerhalb von vier Monaten beraten und eine Entscheidung treffen. In Sachsen-Anhalt gibt es seit Monaten Diskussionen über zu wenig Lehrer an den Schulen.

Neue Referendare müssen früher unterrichten

Um dem Lehrermangel zu begegnen, bildet Sachsen-Anhalt mehr Referendare aus. Die müssen aber früher als bisher unterrichten.

Volksstimme 02.09.2017

Halle (dpa) l Sachsen-Anhalt hat rund 150 neue Referendare eingestellt. Bildungsminister Marco Tullner begrüßte sie am Freitag bei einer feierlichen Vereidigung in Halle. “Ich habe großes Vertrauen in die Qualität der Ausbildung und in Ihre Fähigkeiten”, sagte der CDU-Politiker laut Mitteilung. Die jungen Kollegen haben bereits einen Uni-Abschluss und werden in den kommenden 16 Monaten in den Schulen und im Seminar praktisch auf den Lehrerjob vorbereitet.

Auf die neuen Referendare kommen Veränderungen zu: Das Ministerium änderte die Regeln, ab wann sie in der Praxisphase auch selbstverantwortlich Unterricht geben: Statt nach mehreren Monaten beginnen die Referendare jetzt schon nach vier Wochen damit, Stunden auch ohne Begleitung durch einen erfahrenen Fachkollegen zu halten. Anfangs gehe es um bis zu acht, später um bis zu zehn Stunden, sagte ein Ministeriumssprecher. Daneben gebe es weiter Stunden, in denen die Referendare den Unterricht erfahrener Kollegen beobachten, um zu lernen – oder von ihren Betreuern vor der Klasse unterstützt werden.

Der Grundschulverband hatte die geänderte Praxis zuletzt mehrfach kritisiert. So würden junge Kollegen schon vor dem Ende ihrer Ausbildung verheizt, monierte Verbandschefin Thekla Mayerhofer. Sie wertete die Neuregelung als weiteren Kniff des Ministeriums, um die Unterrichtsversorgung trotz fehlender Lehrer schön zu rechnen.

400 neue Lehrer bis 2020 gebraucht

Sachsen-Anhalt hat derzeit nicht genügend Lehrer, um das selbstgesteckte Ziel der schwarz-rot-grünen Regierung bei der Unterrichtsversorgung zu erreichen. Bis 2021 sollen 14.500 Vollzeitstellen besetzt sein. Weil vergleichsweise viele Kollegen in den Ruhestand wechseln, sind nach Schätzungen der schwarz-rot-grünen Koalition bis dahin bis zu 4000 Neueinstellungen nötig. Zuletzt waren 100 von 370 Stellen frei geblieben. Das Ministerium kündigte an, sie in den kommenden Wochen noch zu füllen und dazu unter anderem mit Referendaren, die kurz vor dem Abschluss stehen, im Gespräch zu sein.

Weil bundesweit mehr Pädagogen gesucht werden und es einen Wettbewerb zwischen den Ländern um neue Lehrkräfte gibt, bildet das Land verstärkt eigenen Nachwuchs aus. Laut Bildungsministeriums stieg die Zahl der Plätze für Referendare in diesem Jahr von 620 auf 780. Sie werden über das Jahr verteilt an verschiedenen Stichtagen eingestellt. Nächstes Jahr soll es noch einmal 50 mehr geben. Wissenschaftsminister Armin Willingmann (SPD) hatte zuletzt im Sommer angekündigt, auch die Zahl der Studienplätze zu erhöhen.